Corina Kölln Kolumne

Kolumne

Heimatfilm-Endpose

Warum die (meine) Welt Schnulzen braucht

Die Regieklappe des Alltags fällt. Er hat beschlossen, einen Film noir abzuspielen. Der kalte Wind peitscht den Regen in alle Richtungen, während der Himmel sich dazu entschließt, im pessimistischen Schwarz-Grau für Weltuntergangsstimmung zu sorgen. Dann die Nachrichten. Trump. Klimawandel. Steigende Strompreise. Aber das ist kein Grund, die Rolle des verdrießlichen Protagonisten einzunehmen, denn es gibt Orte, an denen das Böse keine Chance hat: der Kosmos der Heimatfilme!

Sonnenschein, satte Wiesen, Vogelgezwitscher, jede Menge Ponys und strahlende Menschen – Oma Jantzen lädt mich ein, Ferien auf Immenhof zu machen. Bestens gelaunt – die Schürze und das Haarnetz sitzen – huscht sie über meinen Bildschirm. Ich kann den Duft von Frischgebackenem förmlich riechen und der Alltag kann mich mal gernhaben. Jetzt heißt es: leichte Kost genießen und die Seele mit 1950er-Jahre-Charme verwöhnen. In der Handlung des Klassikers haben junge Leute andere Probleme als die Social-Media-Detox-Generation. Der blendend aussehende Ralf fragt allen Ernstes das reizende Mädel Dick, ob die beiden sich nicht duzen wollen. Das ist natürlich auch für mich als Zuschauer der Moment, in dem der Atem angehalten wird.

Dann die nächste Szene. Ein wahrer Ohrenschmaus lässt genregetreu nicht lange auf sich warten: Teenie Dalli trällert fröhlich zusammen mit den Schöneberger Sängerknaben (allesamt auf Ponys sitzend!) einen einprägsamen Text: „… Ein Cowboy braucht ein Mädel, braucht ein Mädel treu wie Gold. Darum habֹ ich mit dem Lasso mir die schönste Braut geholt … Holla ho, holla ho …“. Das Lied könnte ein aktueller Après-Ski-Hit sein. Musizierenden Kindern zu dieser Zeit verzeihe ich das. Schließlich ist das ein waschechter Heimatfilm, da dürfen die Filmemacher fast alles, um mir ein Stück heile Welt zu kreieren.

Das Strickmuster Liebe, eine herrliche Landschaft, etwas Schicksal und schließlich ein glückliches Ende, abgedreht in der typischen Heimatfilm-Endpose der Darsteller (Ralf und Dick schmachten sich an!), retten mich in Stunden, in denen ich kurz vor der Realität flüchten und in Nostalgie baden möchte. Spätestens nach drei zuckersüßen Kamellen merke ich, dass die neuen Goldenen 2020er gar nicht so verkehrt sind.

vor 1 Monat